Zukunft von HBCI / FinTS

 
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Zukunft von HBCI / FinTS

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Gepostet: 01.01.2020 - 11:21 Uhr  ·  #1
Hallo zusammen und ein gutes neues Jahr 2020!

Auf dem CCC 2019 (36th Chaos Communication Congress) wurde von Henryk Plötz festgestellt, dass HBCI / FinTS mittlerweile quasi tot sei und sich die Banken davon verabschieden würden (weil es jetzt ja PSD2 gibt und zukünftig alles nur noch in der Cloud gemacht werden soll - zumindest wird von ihm die Weiterentwicklung in Frage gestellt).

Ist da tatsächlich was dran oder ist das nur seine Meinung / Einschätzung (bei Minute 48:26 gibt es hierzu eine dedizierte Nachfrage)? Wenn dem so wäre, hätte man das doch im Rahmen der Einführung von PSD2 schon machen können, um sich die sicherlich nicht unerheblichen Anpassungsaufwände zu sparen? Oder führt man HBCI nur temporär weiter, bis der PSD2-Mist halbwegs funktioniert (aus Bankensicht)?

Oder habe ich da was grundsätzlich falsch verstanden?
msa
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Re: Zukunft von HBCI / FinTS

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Gepostet: 01.01.2020 - 14:03 Uhr  ·  #2
Die Glaskugel ist leider derzeit nicht geputzt, deswegen kann ich dazu nicht wirklich etwas sagen!

Wenn jemand mit "die Banken" anfängt, dann ist grundsätzliche Skepsis angebracht. "Die Banken" gibt es nicht. Es gibt - zumindest heute noch - eine große Anzahl Banken. Die größeren Privatbanken (Deutsche, Commerz, HVB) sind je "eine" Bank und Entscheidungen werden zentral getroffen. Auch die Direktbanken sind jeweils "eine" Bank mit "einer" Führug, auch hier zentrale Entscheidungen. Aber dann geht's los. "Die Sparkassen" gibt es nicht. Jede Sparkasse ist ein eigenes Institut mit eigenem Vorstand, der völlig andere Entscheidungen treffen kann als der Vorstand in der nächsten Kreisstadt. Bei den VR-Banken ist es genau so.

Dass einige Banken HBCI gerne loswerden wollen, hat sich gezeigt. Musterbeispiel ist die ING, die HBCI erst ganz kalt entsorgen wollte, dann aber gezwungen wurde, zumindestens etwas zurückzurudern, weil ihre Kunden so massiv auf die Barrikaden gegangen sind. Bei anderen Banken war die (aus derzeitiger Sicht) dauerhafte Weiterführung von HBCI keine Frage. Für HBCI mit PSD2 wurde nicht nur auf Kundenproduktseite sondern auch auf Bankrechnerseite massiv investiert. An vielen Stellen wurde erheblich mehr gemacht, als "das unbedingt Nötige". Das zeigt aus meiner Sicht, dass es sich hier nicht nur um eine Zwischenlösung "bis morgen" handelt. Auch gibt es nach wie vor Weiterentwicklungen - sonst gäbe es nicht bei allen Instituten, die die Entzeitüberweisung anbieten und HBCI haben inzwischen eine Echtzeitüberweisung via HBCI. Das ist eine echte Weiterentwicklung.

Letztlich muss ich aber sagen, mein Herz hängt nicht grundsätzlich an HBCI in der heutigen Form, sondern an eine Schnittstelle überhaupt. Wenn diese PSD2-Schnittstelle auch für die Inhaber der betroffenen Konten freigegeben wird und mindestens das kann, was HBCI heute kann, dann gibt es eigentlich keinen Grund, HBCI parallel weiter zu betreiben und zu pflegen. Nur muss man halt Schritt für Schritt gehen. Erst HBCI abschaffen und dann vielleicht irgendwann die PSD2-Schnittstelle für den eigentlichen Kunden zu öffnen, das kann's nicht sein.

Ich habe mir den Beginn des Vortrages auch angechaut, aber spätestens nach den gezwungenen Witzen und seinem Getue von wegen "Ich bin das dumme Lieschen Müller und habe überhaupt nicht verstanden was überhaupt los ist und war totaaaaal überfordert" habe ich genervt aus gemacht. Ich kann nicht einerseits Lieschen Müller und überfordert sein und mich andererseits hinstellen und auf so einem Kongress einen Vortrag zu dem Thema halten. Das ist alberne Effekthascherei. Auch Aussagen über die Zukunft zu treffen, obwohl er sicher in keinem einzigen Bank-Vorstand sitzt ist echt unredliche Glaskugel.

Meine Aussagen wären: Ja, es gibt Banken, die aus Kostenaufwand und vor Allem auch aus Marketing-Erwägungen HBCI lieber heute als morgen töten würden. Die haben ihre Kunden lieber im Web oder in der eigenen App, wo sie sie mit Werbung zuballern können. Tendenziell sind das eher alle Ableger von ausländischen Instituten und FinTechs, weil beide keinerlei Kundenschnittstellen-Tradition kennen und vom Banking als "Klicki-Bunti-Werbeüberbringer" kommen.
Daneben gibt es die Banken die in Deutschland ihre Wurzeln haben und HBCI seit Jahrzehnten als Teil ihres Geschäfts kennen und sehen. Ich habe noch von keiner einzigen Bank aus dieser Ecke gehört, die bei HBCI Abstriche gemacht hat oder es gar aufgeben wollte.
Und dann gibt es die Direkttöchter, die aus Deutschland kommen - bei denen ist eigentlich die Lage genauso wie bei den deutschen Müttern.

Es kann sein, dass man in absehbarer Zeit keine kostenlosen Konten mit HBCI mehr bekommt (vor dem Hintergrund der Zinspolitik), aber es wird sicher weiter Institute geben, zu denen man wechseln kann und bei denen man problemlos bekommt, was man braucht. Wobei es schwierig ist, zu definieren, was man wirklich "braucht". Sofern PSD2 für den Kunden geöffnet wird, muss HBCI sicher nicht als rein deutsche Lösung unendlich weitergeführt werden. Dass vieles "in die Cloud" verlagert wird ist klar, aber es wird sicher immer Menschen geben, die dem kritisch gegenüber stehen. Genau wie bei SmartHome mit und ohne Cloud. Ich denke, beide Sichtweisen werden weiterhin irgendwie bedient werden - wenn auch nicht mehr flächendeckend von allen Anbietern.
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Re: Zukunft von HBCI / FinTS

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Gepostet: 01.01.2020 - 14:09 Uhr  ·  #3
Die PSD2 - Schnittstelle ist doch garnicht als Kundenschnittstelle gedacht, zumindestens bisher. Von daher habe ich Zweifel an der Fachkompetenz bei Personen die erzählen das HBCI durch die PSD2 ersetzt wurde.
msa
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Re: Zukunft von HBCI / FinTS

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Gepostet: 01.01.2020 - 14:23 Uhr  ·  #4
Zitat geschrieben von Kalle2012
Die PSD2 - Schnittstelle ist doch garnicht als Kundenschnittstelle gedacht, zumindestens bisher. Von daher habe ich Zweifel an der Fachkompetenz bei Personen die erzählen das HBCI durch die PSD2 ersetzt wurde.
Das mit der Kompetenz sehe ich genau so, aber dass die PSD2-Schnittstelle für den eigentlichen Kunden nicht nutzbar ist, ist so geplant, das kann sich aber ändern, denke ich. Nüchtern betrachtet macht es wirklich keinen Sinn, zwei Schnittstellen parallel zu pflegen, noch dazu, wenn die eine eine rein deutsche Erfindung ist und ausschließlich in Deutschland überhaupt zum Einsatz kommt...
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Re: Zukunft von HBCI / FinTS

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Gepostet: 01.01.2020 - 20:47 Uhr  ·  #5
Zitat geschrieben von msa

... aber dass die PSD2-Schnittstelle für den eigentlichen Kunden nicht nutzbar ist, ist so geplant, das kann sich aber ändern, denke ich. Nüchtern betrachtet macht es wirklich keinen Sinn, zwei Schnittstellen parallel zu pflegen, noch dazu, wenn die eine eine rein deutsche Erfindung ist und ausschließlich in Deutschland überhaupt zum Einsatz kommt...

Das ist ja zumindest ein Teil der Argumentation von H. Plötz. Er kritisiert ja auch die obligatorischen Zwischenhändler bei PSD2 (was ja de facto dann am Ende vier statt zwei Beteiligte sind - in seinem Bsp. Datev und FinAPI). Ein grauenhaftes Szenario. HBCI steht damit in direkter Konkurrenz zu PSD2 und den Dienstleistern, die ja auch Kohle machen wollen. Ich fürchte da mittel- bis langfristig potentielle Interessenskonflikte.

Auf der anderen Seite - wenn die Kunden nur noch über die Dienstleister auf die Funktionen der eigentlichen Banken zugreifen können, gibt es ja auch keine Möglichkeit zur Differenzierung mehr - die eigentliche Bank ist dann nur noch Bereitsteller des Backends - die durch den Kunden "erfahrbaren" Features sind aber überall die gleichen. Das würde auch erklären, dass Banken Echtzeitüberweisungen in HBCI integrieren (welche Bank ist das?).

Im Prinzip würde das ja grundsätzlich auch auf das https-Banking der Banken (bzw. erst recht) zutreffen. Eigentlich können die Banken ja kein großes Interesse daran haben, dass sie keinen direkten Zugriff auf die Kunden mehr haben.
msa
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Re: Zukunft von HBCI / FinTS

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Gepostet: 02.01.2020 - 03:20 Uhr  ·  #6
Zitat geschrieben von hbciuser
Eigentlich können die Banken ja kein großes Interesse daran haben, dass sie keinen direkten Zugriff auf die Kunden mehr haben.
Haben sie doch - per WebBanking der Bank und bankeigene Apps. Da ist der direkte Zugriff geben - via HBCI eher nicht. Und: Für die Masse der Kunden reicht Web und App völlig aus.
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Re: Zukunft von HBCI / FinTS

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Gepostet: 02.01.2020 - 08:40 Uhr  ·  #7
Zitat
Das würde auch erklären, dass Banken Echtzeitüberweisungen in HBCI integrieren
Ich vermute, das wird eher europäischer Standard werden und daher auch in allen gängigen Schnittstellen umgesetzt werden müssen. Und sollte EBICS u.a. eben auch durch Instant-Payment in Zukunft mehr in die zeitnahe Verarbeitung gehen, könnte die "Gefahr" für FinTS/HBCI wohl auch aus dieser Ecke kommen.
Gruß
Raimund
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Re: Zukunft von HBCI / FinTS

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Gepostet: 06.01.2020 - 10:04 Uhr  ·  #8
Zitat geschrieben von hbciuser

Auf dem CCC 2019 (36th Chaos Communication Congress) wurde von Henryk Plötz festgestellt, dass HBCI / FinTS mittlerweile quasi tot sei und sich die Banken davon verabschieden würden (weil es jetzt ja PSD2 gibt und zukünftig alles nur noch in der Cloud gemacht werden soll - zumindest wird von ihm die Weiterentwicklung in Frage gestellt).

Ist da tatsächlich was dran oder ist das nur seine Meinung / Einschätzung (bei Minute 48:26 gibt es hierzu eine dedizierte Nachfrage)? Wenn dem so wäre, hätte man das doch im Rahmen der Einführung von PSD2 schon machen können, um sich die sicherlich nicht unerheblichen Anpassungsaufwände zu sparen? Oder führt man HBCI nur temporär weiter, bis der PSD2-Mist halbwegs funktioniert (aus Bankensicht)?

Oder habe ich da was grundsätzlich falsch verstanden?

Nicht Du hast etwas grundsätzlich falsch verstanden, sondern eher Henryk Plötz.
Mich würde ja interessieren, auf welcher Grundlage er festgestellt haben will, dass HBCI/FinTS quasi tot sei und die Banken sich davon verabschieden würden.

Vieleicht erst Mal rein regulatorisch den grundsätzlichen Unterschied zwischen PSD2 Schnittstelle und FinTS.
FinTS ist wie das Webbanking und die proprietären Schnittstellen für die bankeigenen Apps eine direkte Kundenschnittstelle, über die nur der Kunde direkt zugreifen darf.
Die PSD2 Schnittstelle ist eine dedizierte Schnittstelle für die Server2Server Kommunikation für Drittanbieter.
Den Dritten ist der Zugriff über die direkten Kundenschnittstellen regulatorisch untersagt, wenn die Bank ihnen eine dedizierte Schnittstelle anbietet. Die Dritten „kämpfen darum, dass die Schnittstelle mehr als die regulatorisch vorgegebenen Funktionen erhält und, dass diese mindestens die gleiche Verfügbarkeit und Perfomance stellt, wie die direkten Schnittstellen.
Wenn jetzt die ganzen Kundenprodukte auch auf die Schnittstelle kommen würden, wäre es keine dedizierte Schnittstelle für den Dritten mehr……..

Dann ist das Bild, was die Meisten von FinTS haben völlig überholt. Die meisten haben noch das HBCI HomeBankingComputerInterface im Kopf. Sprich eine direkte Schnittstelle für den Privatkunden. Das ist schon lange nicht mehr so.
Die ganze Ausrichtung der Geschäftsvorfälle und der damit zum Teil verbundenen Prozesse, geht ganz klar in die Richtung Firmenkunde. Nicht die großen Firmenkunden mit dem Massenzahlungsverkehr, sondern die vielen kleinen und mittleren Firmenkunden, für die EBICS und die dort abgebildeten Prozesse eine Nummer zu groß ist.
Wenn Banken aussteigen oder das Interesse verlagern, dann sind das bisher immer Banken gewesen, deren Fokus auf dem Privatkunden liegt. Und die will man in der Tat eher im Web oder den eigenen Apps haben.
Die PSD2 Schnittstelle selber zielt (auch regulatorisch) derzeit auch ganz deutlich auf die Privatkunden. Hier gibt es tatsächlich eine Konkurenzsituation basierend auf multibankenfähige Portale.
Wer also FinTS abschaltet ohne eine echte Alternative zu haben, trifft vornehmlich einen Teil seiner Firmenkunden und da ist der Umgang deutlich sensibler, als es z.B. bei der ING mit den Privatkunden war.

Was bedeutet das:
Für FinTS gibt es derzeit „nur“ EBICS als echte Alternative. EBICS ist von den Strukturen, Abläufen, zum Teil auch den Kosten, dem Funktionsumfang, der Aktualität der Daten aber für viele nicht geeignet. Mangels Alternative, wird FinTS sicherlich noch deutlich länger leben, als viele glauben und sich einige Wünschen. Ansonsten gilt das, was msa schon geschrieben hat:
Ob FinTS oder EBICS oder sonst eine API etwas ist letztendlich völlig egal. Solange es einen relevanten Bedarf an einer direkten Kundenschnittstelle für das entsprechende Kundensegment gibt, wird es auch eine geben. Und niemand wird FinTS aufgeben, ohne eine entsprechende Alternative zu haben.
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Re: Zukunft von HBCI / FinTS

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Gepostet: 06.01.2020 - 11:14 Uhr  ·  #9
Zitat geschrieben von Holger Fischer
Nicht Du hast etwas grundsätzlich falsch verstanden, sondern eher Henryk Plötz.
Mich würde ja interessieren, auf welcher Grundlage er festgestellt haben will, dass HBCI/FinTS quasi tot sei und die Banken sich davon verabschieden würden.

sein Beitrag ist doch in #1 verlinkt
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Re: Zukunft von HBCI / FinTS

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Gepostet: 06.01.2020 - 13:43 Uhr  ·  #10
Vor dem Hintergrund, was Holger Fischer im vorletzten Beitrag geschrieben hat: Das ist einer der Vorteile von der DKB, dass diese keine reine Privatkundenbank ist sondern auch einen großen Firmenkundenbestand hat - die absolut auf FinTS angewiesen sind und täglich damit arbeiten (ich auch). Wenn man da also an FinTS rütteln würde, müsste man sich wohl von einem Großteil seiner Firmenkunden verabschieden. Somit ist der längere Fortbestand von FinTS gerade bei der DKB in meinen Augen "sehr sicher".
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